Für Raucher wird die Luft dünner
Wer raucht, macht öfter Pause und gilt als weniger produktiv - Betriebe geben Anreize zum Verzicht auf den Glimmstengel
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Maria Zimmermann, Mitarbeiterin bei Siemens in Bocholt, beißt genüsslich in ihren Apfel. Das Obst ist nicht nur Pausensnack, sondern gleichzeitig Politikum. Zimmermann nimmt ihre Apfelpause, während sich andere Kollegen in den Raucherraum zurückziehen. "Es ist allgemein anerkannt, dass Raucher regelmäßig Pausen machen", sagt die Präventionsreferentin. "Die Nichtraucher müssen da erst noch dran arbeiten."
Seit drei Jahren läuft bei Siemens Information und Communications Mobile das Projekt Apfelecke. Inzwischen nehmen zehn Abteilungen daran teil. In abgetrennten Bereichen des Büros gibt es Äpfel, Wasserspender und die Möglichkeit, kurz abzuschalten. Auch die Raucher sind herzlich eingeladen, von Nikotin auf Vitamine umzusteigen. "Manchen kommt es ja gar nicht so sehr auf die Zigarette an, sondern darauf, eine kleine Pause zu machen", sagt Maria Zimmermann.
Während sich die Firma Siemens in sanfter Bekehrungsstrategie übt, hagelt es an anderer Stelle harte Angriffe. Raucher sind die Buhmänner der Volkswirtschaft. 17,5 Milliarden Euro beträgt der Schaden, den sie durch Folgeerkrankungen, Produktivitätsausfall und Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit verursachen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Raucher im Durchschnitt dreißig Prozent häufiger krank sind als Nichtraucher. Außerdem leisten sie weniger als ihre nicht rauchenden Kollegen, schimpft die Nichtraucherinitiative Deutschland e.V.: Wer während der Arbeit raucht, verschwende Zeit, in der andere arbeiten.
Das sind Zahlen, die auch Unternehmer ins Grübeln bringen. Eberhard Strunk, Chef des Ingenieurbüros Strunk und Partner in Siegburg, hat den betriebswirtschaftlichen Schaden in seinem Unternehmen genau ausgerechnet: "Von fünfundzwanzig Mitarbeitern waren acht Raucher. Von denen hat jeder im Schnitt zehn Zigaretten am Tag geraucht, jeweils sechs Minuten lang. Das sind am Tag acht Stunden Arbeitsausfall. Umgerechnet auf die Personalkosten hat mich das im Jahr 50 000 Euro gekostet." Um Folgekosten und Unfrieden zu vermeiden, setzen immer mehr Unternehmen darauf, den Verzicht auf das Laster schmackhaft zu machen. "Wir klären schon beim Einstellungsgespräch, ob die Leute aufhören wollen zu rauchen", sagt Harald Homann, Geschäftsführer eines Busunternehmens in Frankfurt/Oder: "Viele sind Gelegenheitsraucher und warten auf einen Anreiz, um aufzuhören." Der Anreiz kann sich sehen lassen: Busreisen Homann bietet 1000 Euro Prämie.
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Das Digitale Druckzentrum Laserline in Berlin geht den umgekehrten Weg. Es zahlt jedem Nichtraucher in der Belegschaft eine monatliche Prämie von 100 Euro. Ein Grund für Unmut unter den Rauchern? "Nein", sagt Babett Deuse, Supervisor Organisation. "Es steht jedem Raucher frei, sich schriftlich zu verpflichten aufzuhören." Sieben der insgesamt 65 Mitarbeiter haben sich gegen die Kippe und für die Kohle entschieden.
Für Raucher im Büro wird die Luft dünner. Seit dem 1. Oktober kann jeder auf der Zigarettenpackung lesen, dass Rauchen "den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden" zufügt. Und schon seit Oktober 2002 hat streng genommen jeder Arbeitnehmer ein Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz. Die Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, die Konsequenzen zu ziehen. Da hilft es den Rauchern wenig, auf freie Entfaltung und Gleichberechtigung zu pochen. Die Zigarette hat im Arbeitsrecht keinen Platz, sie gehört zur Freizeit. Wenn der Chef die Sache eng sieht, kann er verlangen, dass das Rauchen auf die Pausen beschränkt bleibt oder verlorene Zeit nachgearbeitet wird.
Der Arbeitsmarkt erlaubt Unternehmen, wählerisch zu sein. Immer häufiger sind Stellenanzeigen zu lesen, in denen ausdrücklich Nichtraucher gewünscht werden. "Vor sechs bis sieben Jahren war das überhaupt kein Thema", sagt Doris Wagner von der Hamburger Personalagentur Agenza, die Mitarbeiter im kaufmännischen Bereich vermittelt. "Aber Kundenanfragen nach nicht rauchendem Personal kommen immer wieder. Wir haben deshalb vor zwei Jahren damit angefangen, in Vorstellungsgesprächen zu fragen, ob die Bewerber rauchen."
Kleinunternehmen, wie die Berliner Kommunikationsagentur c-zwei, können sich sogar erlauben, nur Nichtraucher einzustellen. "Ich mag keinen Rauch im Büro," sagt Chefin Christine Kalb. "Alle meine Mitarbeiter und auch die Kunden respektieren das. Wenn Leute andauernd auf den Balkon oder auf die Straße rennen müssen, um zu rauchen, stört das den Arbeitsprozess."
Gitte Härter, Karrierecoach in München, erinnert sich noch gut an ihre Zeit als Angestellte in einer Medienagentur. Dort hatten alle Raucher beschlossen, im Büro auf die Zigarette zu verzichten: "Der Chef hatte die Angewohnheit, an den Bewerbungsunterlagen zu schnuppern, um festzustellen, ob sie von einem starken Raucher stammen. Im Bewerbungsgespräch hat er dann überprüft, ob sein erster Riecher richtig war. Es waren immer wieder Kandidaten dabei, die nicht bei uns anfangen konnten, weil sie gesagt haben, dass sie es nicht drei oder vier Stunden ohne Zigarette aushalten." Nicht rauchende Bewerber waren ihnen um einige Zigarettenlängen voraus.
Alexandra Straush, Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten
30.01.2004 - aktualisiert: 30.01.2004, 14:54 Uhr
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/detail.php/597624? 4319